Cubes 2010-2011

Auf dem Weg zu neuen Dimensionen

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Blaue Gedanken

Fotografie auf Plexiglas und Objekte, 20 x 20 x 20 cm

2 / 10
Aneinander Vorbei

Fotografie auf Plexiglas und Objekte, 20 x 20 x 20 cm

Das Vergehen

Grid my world!
Cut it, bake it, rape it
Life’s a railway anyway
After all, palm trees have structure too,.

Of course the world must be tamed, the grasshoper said.
But I think
he was only joking.

3 / 10
Das Vergehen

Fotografie auf Plexiglas und Objekte, 20 x 20 x 20 cm

Text: Nathalie Weidenfeld 

4 / 10
Der letzte Blick

Fotografie auf Plexiglas und Objekte, 20 x 20 x 20 cm

5 / 10
Fuck

Fotografie auf Plexiglas und Objekte, 20 x 20 x 20 cm

6 / 10
Gierige Lust

Fotografie auf Plexiglas und Objekte, 20 x 20 x 20 cm

7 / 10
Protection

Fotografie auf Plexiglas und Objekte, 20 x 20 x 20 cm

8 / 10
Reiselust

Fotografie auf Plexiglas und Objekte, 20 x 20 x 20 cm

9 / 10
Sei nicht vermessen

Fotografie auf Plexiglas und Objekte, 20 x 20 x 20 cm

10 / 10
Was es ist

Fotografie auf Plexiglas und Objekte, 20 x 20 x 20 cm

Die Insight Boxes und Insight Cubes von Ilana Lewitan von Gottfried Knapp

Ilana Lewitan hat mit ihren Bildkästen aus Plexiglas, in denen plastische Objekte postiert sind, die Darstellungsmöglichkeiten der Malerei um mehrere Dimensionen erweitert. Schon in ihren traditionell auf Leinwand gemalten Bildern hat die Künstlerin immer wieder auf fotografisches Grundmaterial zurückgegriffen. So hat sie stark vergrößerte Fotomotive in klassischer Manier mit Acrylfarben partiell übermalt, also auf die bedruckte Unterlage eine zweite bildnerische Schicht gelegt, die man schon als einen ersten Schritt in Richtung Raum, in Richtung dritte Dimension empfinden und erleben kann.
So war es nur konsequent, dass Ilana Lewitan irgendwann anfing, ihre Zweischichtenbilder zusätzlich mit einer gewissen Hintergrundstiefe zu versehen, indem sie nicht mehr Leinwand oder ein anderes blickdichtes Material als Grundlage verwendete, sondern Plexiglasscheiben, den Grund also transparent machte, von der Rückwand löste und nach vorne in den Raum zog. So entstanden die ersten Prototypen der Insight Boxes. Fotografische Motive, die digital derart bearbeitet waren, dass sie malerische Qualitäten bekamen, wurden auf Plexiglasplatten gedruckt oder in gedruckter Form auf die transparenten Flächen geklebt. Diese partiell durchsichtigen Bilder wurden dann wenige Zentimeter von der Rückwand entfernt so in Holzrahmen gespannt, dass das von oben in den Zwischenraum hinter der Scheibe einfallende Licht den Gesamteindruck des Bildes entscheidend mitbestimmte und dem im Raum schwebenden fotografischen Motiv mit den möglichen Hintergrundsobjekten eine rätselhaft lebendige Tiefe gab.
Mit der Weiterentwicklung dieses Typs, mit den vollplastischen, würfelförmigen Bildkästen, den Inside Cubes, hat Ilana Lewitan den begonnenen Schritt von der Wand weg nach vorne in den Raum folgerichtig zu Ende geführt. Diese Kästen aus Plexiglas bestehen aus einer unbemalten quadratischen Bodenplatte und vier senkrecht darauf geklebten transparenten Außenwänden gleicher Größe, die, wie die Scheiben in den Insight Boxes, jeweils digital bearbeitete, mit feinen farblichen Tönungen versehene fotografische Motive tragen, also in alle vier Himmelsrichtungen ein Bild in den Raum hinein schieben.
Hängt man die Kästen an die Wand, dann wird eine der Außenwände zur Rückwand; sie spielt also nur noch eine untergeordnete Rolle im raum-bild-haften Zusammenhang. Dafür mischen sich die miniaturhaften Gegenstände, die im Inneren des Würfels platziert sind und durch die bedruckten Außenwände mehr oder weniger schemenhaft zu erahnen oder aber körperlich deutlich als Hintergrundwesen zu sehen sind, in das bildhafte Geschehen ein, das sich auf jeder Würfelseite aus anderen Elementen zusammensetzt. Doch da jeder Kasten in eine einheitliche Grundfarbe getaucht ist, die transparenten Farbflächen also von einer Außenwand auf die nächste überspringen, wird der Betrachter zu einer umrundenden Bewegung eingeladen.
Die dritte Dimension, die räumliche Tiefe, ist also nicht nur durch die raumverdrängende Plastizität der Plexiglaswürfel präsent, sie tut sich, deutlicher noch als in den flacheren Boxes, auch hinter jeder der einzelnen Glasscheiben auf. Bewegt sich der Betrachter vor dem Kasten hin und her, so verschieben sich die hintereinandergestaffelten Ebenen leicht gegeneinander. Es kommt zu einem Perspektivenwechsel. Die dreidimensionale Komposition gerät in Bewegung, setzt sich also noch einmal weiter ab von den üblichen Formen des Bildgestaltens, die lediglich auf eine plane Fläche bezogen sind.
Viele der von der Künstlerin für die Cubes gemachten Fotografien zeigen Ausblicke auf winterliche Landschaften die offensichtlich aus fahrenden Zügen heraus aufgenommen worden sind, jedenfalls partienweis leicht verwischt sind; sie zeigen die vorbeifliegenden Leitungsmasten in immer wieder anderen schrägen Zufallsanschnitten. Beim Betrachten dieser flüchtigen Landschaften hat man weniger das Gefühl, dass man sich selber fortbewegt, als dass die abgebildeten Bäume, Felder und Häuser einem vor den Augen weggezogen werden.
Dieses Gefühl der Flüchtigkeit oder des Verlusts kann einen auf den Gedanken bringen, dass Ilana Lewitan als Jüdin mit dieser Illusion des Dahinfahrens beiläufig auch auf die Verschleppung der Juden in Nazi-Deutschland anspielen wollte. Zumindest ist das eine der möglichen Denkvarianten in einem emotional recht vielfältig und bunt gemischten, auch mit Ironie und Humor durchsetzten Gedankenfeld.
Am ehesten wird man mit der vielfältig deutbaren Metapher des fahrenden Zugs wohl durch jenen Cube konfrontiert, der auf seinen Außenwänden Landschaftsbilder zeigt, die aus fahrenden Zügen aufgenommen wurden, im Inneren aber zwei reale Modelleisenbahnwagen enthält. Der fiktive Ausblick aus dem Zugfenster hinaus ins Freie führt also hinein ins Innere des Kastens und dort auf einen realen Eisenbahnwagen zu, was die möglichen guten wie bösen Assoziationen mächtig verstärkt. In das heiter angestimmte Motiv der Reiselust und der Ferne-Sehnsucht können sich also durchaus düstere Gedanken mischen, doch sie dominieren nicht den eher schwebenden Gesamteindruck.
Vieldeutig sind auch die Anspielungen, die in den verwendeten Fotografien auf die Natur gemacht werden. Die winterlich kahlen Bäume verbieten ein rein idyllisches Wohlgefallen. Die riesigen Heuschrecken, die innen an einigen Scheiben zu kleben scheinen, bekommen in den kleinen Kästen eine fast ungemütliche Übergröße und eine vitale Präsenz, die zwangsläufig auch zu politisch-sozialen Ausdeutungen des Motivs Heuschrecke führen. Doch auch solche anspielungsreiche Arrangements drängen ihre Botschaft nicht auf; sie bleiben spielerisch-improvisatorisch. in ihrer Haltung, bewegen sich, wie die zweidimensionalen Malereien auf Leinwand, unsentimental im poetischen Raum.
Vor allem dort, wo Humanes ins Spiel kommt, sind auch Scherz und Ironie nicht fern. So hat Lewitan mehrfach ein Foto verwendet, auf dem sie, im Bett liegend, sich selber mit der Kamera vor dem Gesicht im Spiegel fotografiert hat. Die Frau im Bett und die auf den Betrachter gerichtete Kamera machen den Betrachter also zu einer Art von Voyeur; was ja bestens zum Charakter der Inside Cubes passt: Diese halb sich verschließenden, halb sich öffnenden Kästen scheinen ein Geheimnis zu bergen, jedenfalls erwecken sie beim Betrachter heftige Neugier; man könnte sie darum auch als bildnerische Büchsen der Pandora empfinden.
Wie unterschiedlich die Anspielungen sind, die von den Cubes ausgehen, wird deutlich, wenn man mehrere Exemplare nebeneinander an einer Wand hängen sieht. Nicht nur die Außenflächen wechseln den Erzählton und die Farbe, auch die kunstvollen Mini-Arrangements aus gefundenen oder geschaffenen Objekten im Inneren der Würfel haben jeweils etwas anderes zu erzählen. So kann man hinter einer jener Glaswände, die Einblick in ein Schlafzimmer zu geben scheinen, nackte Barbie-Püppchen entdecken. Sie sind fraglos anders zu deuten als die umgestürzten Puppenstubenmöbel im Inneren einiger anderer Kästen, die auf puppenspielerisch lockere, ironisch andeutende Weise von möglichen Konflikten künden, von kleinen oder auch größeren Auseinandersetzungen, wie sie zum menschlichen Alltag gehören.
Am eindrucksvollsten entwickeln die Kästen ihre Individualität, wenn sie in einem abgedunkelten Raum schräg von unten angestrahlt werden. Sie werfen dann lange, schräg verlaufende Schatten auf die Wände dahinter. Doch diese Schatten sind nicht wie die von opak geschlossenen Gegenständen schwarz, stumpf und farblos, sondern transparent, also lichtdurchlässig, und sie zeigen die aufgedruckten fotografischen Motive und die im Inneren aufgestellten, von unten angestrahlten Objekte in graphisch aufregenden Verzerrungen und in jenem feinen Farbton, in den das jeweilige Glasgehäuse gehüllt ist. Der durchleuchtete Würfel und sein Schatten bekommen etwas Magisches, was sich direkt auf den Betrachter überträgt.
Und noch ein Element trägt dazu bei, dass sich die Plexiglas-Cubes als eigene Gattung innerhalb der Bildkünste etablieren konnten. Ilana Lewitan hat auf einige der transparenten Bilder kurze Texte bekannter Autoren drucken lassen. Es sind Bemerkungen, die auf literarische Weise mit den poetisch komponierten Bildern korrespondieren oder aber sich bewusst von der visuell beschworenen Motivwelt absetzen, also etwas Widerständiges einfließen lassen, was das waltende Geheimnis noch verstärkt und beim Betrachter und Leser zusätzlich Überlegungen in Gang setzt.
Man kann den Cubes und Boxes, vor allem dann, wenn man sie mit Lewitans zeitlich parallel entstandenen Malereien auf Leinwand vergleicht, die inzwischen ganz auf fotografische Elemente verzichten, eine schöne Eigenständigkeit zusprechen: Das neue Genre, das mit fotografischen und digitalen Mitteln zu malerischen Wirkungen kommt, ist erwachsen geworden, es entwickelt sich nach eigenen Regeln weiter.
Die Boxes und die Cubes haben also nicht nur ihre eigene Technik, sondern auch ihre eigne Motivwelt gefunden, die Verbindungen zur Leinwandmalerei sind gekappt. Und auch aus dem Durchschnitt dessen, was sich derzeit anderswo auf der Welt im Zwischenbereich zwischen Malerei und Objektkunst tut, heben sich Lewitans Bildkästen lebendig heraus.